Sunday Sketch :: Feel free Miss Deeply

mauer introIch erinnere mich an Camping Urlaube an der Ostsee, an kiloweise Orangen im Schlafzimmer meiner Eltern an Weihnachten, an den Duft der Florena Creme meiner Oma und an VEB Betriebsveranstaltungen.

Ich erinnere mich an die Jungpionier Appelle auf dem Schulhof, an die morgendliche Taschentuchkontrolle vor Unterrichtsbeginn, an die Werkstoffsammlungen nach Schulschluss und unseren selbst lackierten giftgrünen Trabbi.

Ich erinnere mich noch ziemlich genau daran, das meine Pionier Kappe ziemlich gekratzt hat und das ich den Knoten in meinem blauen Pioniertuch nicht selbst binden konnte.

An was ich mich aber beim besten Willen nicht erinnern kann ist der 09. November 1989! Ich habe keine Ahnung. Dieser Tag existiert nicht in meiner Erinnerung.

Gerne würde ich euch eine pathetische Geschichte erzählen, wie mich meine Eltern aus dem Schlaf gerissen haben, meinen Bruder und mich im Schlafanzug in den Trabant setzten und Richtung Berlin gedüst sind. Haben sie aber nicht.

Für mich war dieser 09 November vor 25 Jahren wohl nichts besonderes. Hoffnungsvoll telefonierte ich vor ein paar Tagen mit meinen Eltern um mich eines besseren belehren zu lassen. Aber nichts…

Ich weiß sehr wohl wie wir das erste Mal nach „Drüben“ gefahren sind, an meinen ersten lila Parka, blaues Eis und die freundlichen Menschen auf der Straße.

Aber eben nicht an diesen 09.11.1989. Es ist aber auch nicht weiter schlimm, denn die Hauptsache ist, dass die Mauer gefallen ist – ob nun durch David Hasselhoff oder irgendwelche Politiker.

Nach 25 Jahren bin ich dankbar in Freiheit zu leben, sagen und schreiben zu können was ich möchte, einfach verreisen zu können und keine Angst haben zu müssen, dass geliebte Menschen einfach so eingesperrt werden.

Viel zu selten freue ich mich über diese Freiheit und nehme sie einfach als gegeben hin – aber so sind wir Menschen eben…

 

feel free

2 Kommentare

  1. schöne worte zum gestrigen tag…
    ich weiß auch nicht wo ich war oder was ich gemacht habe… ich weiß nur dass meine eltern ordentlich gefeiert haben (mein papa ist 1986 geflüchtet, meine mum kam 1989 1/2 jahr vor dem bauerfall mit mir nach).. da ich erst 4 war, lag ich um die zeit evtl ja schon im bettchen…
    Der tag macht mich aber immer ganz stolz auf meine eltern, dass sie damals den mut hatten sich zu wehren und sich gegen die ungerechtigkeit dort durchgesetzt haben…

  2. Liebe Nicole,

    das Gefühl des Nicht-Erinnerns kenne ich gut!

    Auch ich kann mich an den 9.11. nicht mehr erinnern – ich weiß aber noch, dass ich die Wochen und Monate vor und nach dem Mauerfall über das Fernsehen als Jugendliche sehr intensiv mitverfolgt habe. Und heulend vorm Fernseher gesessen habe, als die Bilder der Maueröffnung gezeigt wurden. Nur ob dies live am 9.11. war oder vielleicht erst die Tage darauf in den Nachrichten, dass weiß ich nicht mehr.

    Sehr gut kann ich mich aber an das Gefühl erinnern, große Geschichte – und auch die Geschichte eines Teils meiner Familie – live mitzuerleben. Ich selbst bin zwar im Westen aufgewachsen, doch meine Mutter kommt aus einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern und ist gerade noch eben rechtzeitig vor dem Mauerbau mit meiner Oma in den Westen geflohen. Zu meiner Tante, die schon ein paar Jahre zuvor meinen späteren Onkel, einen Wessi, kennengelernt hatte und mit ihm nach Westdeutschland gegangen war.

    Ich erinnere mich auch noch gut an die Weihnachtspakete, die meine Mutter ihrer Großtante und der älteren Cousine jedes Jahr zu Weihnachten in die DDR geschickt hat. Und dass sie immer eine detaillierte Liste sämtlicher Produkte im Paket obenauf legen musste. Und dass es ein Elender Bürokratieakt war, wenn unsere Verwandten aus der DDR (danals schon im Rentenalter) uns einmal besuchen wollten – was sehr selten möglich war.

    All diese Erinnerungen sind bei mir in den letzten Tagen wieder hochgekommen – und ich bin dankbar, dass es so gekommem ist, wie es gekommen ist. Schon allein, weil meine Mutter meinen Vater sonst auch nicht kennen gelernt hätte und es mich heute nicht gäbe. Aber auch sonst. Und überhaupt…

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